Gangster

Ich habe klein angefangen. Wie vermutlich jeder Intensivtäter. Zunächst mal habe ich auf den sozialen Medien behauptet, einfach davonkommen zu werden, mit angeblich eklatanten Verstößen gegen Naturgesetze. Siehe: Effizienz II und Effizienz.
Wobei: Zunächst war ich mir keiner Schuld bewußt. Ich habe mich als treuer Staatsbürger an das hessische und bundesweite Verbot des Tankens von synthetischen und CO2 neutralen Kraftstoffen, HVO100 Diesel, gehalten. Ich bin auch nicht nach Holland oder Dänemark gefahren, wo man das schon lange machen konnte, und habe mir nicht heimlich den Tank mit Technologieoffenheit voll gemacht. Weil die Grünen es ja verboten hatten. Mich, typisch deutsch, staatlich zwingen wollten, ein E-Auto mit deutschem Energiemix zu fahren. Ich dachte mir zwar: „Mann ist das bescheuert“. Erst auf Twitter und Facebook klärte man mich auf. Ich sei es, der doof und unwissend wäre: „Mann, die FDP ist so blöd. Synthetische Kraftstsoffe, das geht doch gar nicht, physikalisch unmöglich. Verstößt gegen Naturgesetze! Schonmal was von Thermodynamik gehört?“
Da wurde ich hellhörig. Tatsächlich hab ich schonmal was von Thermodynamik gehört. Sogar vorlesungsweise an der Uni. Von daher wußte ich: Ja, solare Fusionsenergie direkt in einen Akku zu pumpen ist effizienter als Umwandlung in flüssigen Kraftstoff und dessen Verbrennung. Zweiter Hauptsatz, Entropie und so. Aber, so frug ich mich, so beschlich mich langsam, wie ein ID4 im Notlauf, der Verdacht: Konnte es sein, dass die Pseudointellektuellen auf Twitter gar nicht wissen, dass letzterer Weg thermodynamisch durchaus erlaubt ist? Dass Ihnen überhaupt nicht klar ist, dass ein thermodynamischer Prozess nicht nur auf dem Papier schön sein muß - dass er auch in der Realität seinen Zweck, nämlich globale CO2 Vermeidung - erfüllen muß?
Konnte es sein, dass Altbauundstuckdeckenwohnungsinhabende Theoretiker zwar das Wort „Physik“ schonmal von Cem Özdemir gehört hatten, der ja in der Schule, wie er zugab, gezwungen wurde, sich damit auseinanderzusetzen. Aber sich gar keine Gedanken um praktische Umsetzung machten? Um den von mir inzwischen verschmähten Musk zu zitieren: „R&D is nothing compared to mass production“. Konnte es sein, dass die verbal Klimaheiligen gar nichts wissen vom Unterschied zwischen theoretischer Faselei über Wissenschaft und praktischem Liegenbleiben mit der fahrenden Seltene-Erden-Apotheke nachts im Odenwald bei 271,15 Grad Kelvin? Von der Frage, wie der indische Bauer denn in Zukunft nicht mehr mit seinem 2-Takt Mopped sondern mit einem Tesla CO2 neutral auf sein Feld kommen soll, ganz zu schweigen?
Akademisch verblendet erinnerte ich mich an einen weiteren Hauptsatz, diesmal aus dem Praktikumslabor: Versuch macht kluch.

Ein bajuwarischer Selbstzünder stand vor der Haustür. Warum also nichtmal HVO100 reintanken? Erstmal, schauen was der ACDC dazu sagt - Hmm: „Herstellerfreigabe“. Ein garstiges Wort, dass ich hasse, seit ich mit 15 angefangen habe Mofas zu frisieren. Aber ok: Konspirative Gespräche mit dem BMW-Dealer meines Vertrauens offenbarten: Susanne Klatten ist einverstanden. Es geht, laut Hersteller. Also an die Tanke und ausbaldowern. Ich hatte es erwähnt, ich bin unheilbar deutsch sozialisiert; deswegen betanke ich den 6-Zylinder vorschriftsgemäß ohnehin nur mit premiumveredeltem und - raffiniertem fossilen Bioschmodder. Und siehe da: Der Kohlenwasserstoffkrämer Aral mischt seinem Oberklassenheizöl inzwischen standardmäßig 15% HVO bei. 12% weniger CO2 - gleiche Leistung, gleicher Preis. Was soll daran schlecht sein? Konnte das funktionieren, obwohl, sie erinnern sich, Schlaubi und Freunde mich ermahnten: „DIE PHYSIK!!“? Egal, der Wissenschafts-Gangster in mir sagte: Kipps rein!
Es funktionierte wunderbar. Zugegeben: Ich muß mich bei der Öko-Bilanz auf die Angaben von Aral verlassen. Bei den Fahrleistungen nicht - Einwandfrei. Ich hatte die Thermodynamik ausgetrickst. Zumindest, die, die man Cem Özdemir beigebracht hatte. Also nicht die echte. Egal, ich bin angefixt. Bin von den Softdrinks auf das harte Zeug, von Jackie-Cola auf on-the-rocks umgestiegen. Hab mir in Weiterstadt inzwischen die zweite Tankfüllung 100% HVO100 abgeholt.

Seit meiner öffentlichen Beichte, die Karre mit HVO100 vollgetankt zu haben, wird natürlich sehnsüchtig mein Bericht erwartet, WO und WIE mir denn nun der Motor um die Ohren geflogen wäre. Ob ich denn schon einen Ersatz B57 auf E-Bay gefunden hätten. Haha. Das wichtigste zuerst: Es fehlt gefühlt kein einziges Pferdchen. Im Gegenteil: Alle Zylinder und Turbolader sind am vorgesehenen Platz und arbeiten sich sauber, seidenweich und hurtig in den Begrenzer.
Alles Prima. Bis auf Facebook und Twitter. Da wird weiter gemunkelt: „Mann sind die doof, das geht doch gar nicht, alles Palmöl, nur Elektro und Lastenfahrrad, Cem hat „Physik“ gesagt…, Annalenchen meint Kobold …, etc. etc.“ Ich werde wohl weiter im Dunkeln tanken müssen. They never catch me alive!
PS: Selbstverständlich ist es richtig, dass der Verbrennungsmotor dem E-Antrieb bei Energie- bzw. Entropieeffizienz, grundsätzlich unterlegen ist. Aber die Frage ist doch: Wie senke ich den globalen CO2 Ausstoß schnell? Dabei kommt es eben auch auf praktische Umsetzbarkeit an, nicht nur auf thermodynamische Eleganz. Es ist einfacher, dem indischen Bauern HVO Diesel zur Verfügung zu stellen, als ihm einen Elektrotraktor zu verkaufen. Das heißt nicht, dass ich was gegen Elektromobilität habe. Ich habe was gegen eine Politik, die in Glaubenssätzen erstarrt ist.